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| Aktuell Frankfurter Gesichter Ingeborg Kaestner Von Claudia Schülke
05. Oktober 2007
Auf ihrem Grabstein soll einst das Wort „Neugier“ stehen. Aber vorerst lebt Ingeborg Kaestner noch ganz im Augenblick, denn ihre sechs „Kinder“ brauchen sie: die drei eigenen Söhne und deren Freunde, die sie als „vierte Kinder“ zu adoptieren pflegte, der „LiBeraturpreis“ für Autorinnen der Dritten Welt als fünftes und die Diesterwegschule als sechstes Kind. Von Letzterem muss sie sich im nächsten Jahr allerdings trennen: Am 18. Juni 2008 wird die Direktorin der Ginnheimer Grund- und Hauptschule in den Ruhestand verabschiedet. Kein Wunder, dass sich bei der „begeisterten Praktikerin“ gelegentlich trübe Gedanken einstellen. Doch Ingeborg Kaestner schüttelt sie in einem allabendlichen Ritual auf dem Balkon ab. „Ich bin eine hemmungslose Optimistin“, bekennt sie und brennt wie eine Kerze an beiden Enden weiter. Das Feuer ist ihr Element. Als Kriegskind im Jahr 1943 im westpreußischen Stuhm geboren, überlebte sie als Zweijährige die Flucht ihrer Eltern zum Großvater nach Hamburg. Dort ging sie zur Grundschule und erlebte noch, wie Lehrer mit dem Schlüsselbund nach ihren Schülern warfen. 1953 zog die Familie nach Osterode im Harz. Schon damals hatte es ihr der Leistungssport angetan, vor allem Kugelstoßen und Diskuswerfen. Als Volleyballspielerin trainierte sie später sogar mit der Nationalmannschaft. Doch nach dem Abitur bereitete sie sich lieber aufs Lehramt vor. Das Pädagogische lag in der Familie. In Göttingen, Marburg und Heidelberg studierte sie Germanistik, Geographie, Sport, evangelische Theologie und legte ein Examen für Grund-, Haupt- und Realschullehrerinnen ab. Literatur als „Brücke“ Als sie ihre erste Stelle in einer Dorfschule nahe Calw antrat, tat sie sich schwer mit dem alemannischen Dialekt ihrer Schüler. Insgesamt 21 Mal ist sie umgezogen, unter anderem für sieben Jahre nach Hamburg, wo ihr Mann Alexander als Studentenpfarrer wirkte. Als der engagierte Friedenskämpfer 1986 an das Ökumenische Zentrum Christuskirche im Westend wechselte, kam Ingeborg Kaestner mit ihm nach Frankfurt. Schon in Hamburg hatte sie die Literatur als „Brücke“ entdeckt, als sie am Aufbau eines GEPA-Lagers für den Fair Trade mit der Dritten Welt beteiligt war. Aus einer Veranstaltungsreihe in der Christuskirche über die Folgen von Entwicklungsprojekten für Frauen in Geber- und Nehmerländern ging 1987 der LiBeraturpreis hervor, der morgen zum 20. Mal vergeben wird: an Michelle de Kretser aus Australien. Mit 500 Euro und einem Buchmesse-Aufenthalt ehrt Ingeborg Kaestners Initiative „symbolisch“ Schriftstellerinnen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Ozeanien, um die schreibenden Frauen hierzulande publik zu machen und Leseförderung zu betreiben. Unter etwa 30 übersetzten Titeln des Vorjahres wählen zuerst interessierte Leser und dann eine professionelle Jury die Preisträgerin aus. Als erste Vereinsvorsitzende lässt sich Ingeborg Kaestner kein Buch auf der Vorschlagsliste entgehen. „Ich bin eine Schnellleserin“, sagt sie und beruft sich auf ihre Sprecherausbildung beim Studium generale. Am meisten aber liebt sie die feurigen Diskussionen beim Jury-Konklave zum Käse-Raclette. Das wird sie trösten, wenn sie die getuschten Cézanne-Kopien ihrer Schüler von der Wand des Direktionszimmers nehmen muss. 10.10.2007
Tod eines Teepflanzers Michelle de Kretser erhält den LiBeraturpreis 2007 Von Claudia Schülke Das habe sie sich nie träumen lassen: dass sie deutsche Leser einmal so entzücken könnte, wie sie selbst als Kind von Grimms Märchen entzückt war und als Studentin von Goethes, Heines und Rilkes Gedichten. Aber Michelle de Kretser hat tatsächlich ein Buch geschrieben, das Anlass zum Staunen gibt: „Der Fall Hamilton", eine Kriminalgeschichte als Familiensaga im spätkolonialen Ceylon, ist in Frankfurt zu Recht mit dem LiBeraturpreis 2007 ausgezeichnet worden. Im Ökumenischen Zentrum Christuskirche nahm die australische Schriftstellerin aus Sri Lanka nun die Urkunde und den Scheck über mehr oder weniger „symbolische" 500 Euro entgegen. Von heute an wird sie sich auch als Gast auf der Frankfurter Buchmesse empfehlen, wie ihrs 19 Vorgängerinnen. Umso bedauerlicher, lass ihr deutscher Verlag
Klett-Cotta bei der 20. LiBeraturpreis -Verleihung mit Abwesenheit
glänzte. Dafür nahm Bürgermeisterin Jutta Ebeling gewissermaßen die
Laudatio vorweg, indem sie dein preisgekürten Roman ob seiner Heiterkeit
und Poesie, seiner Bösartigkeit, Vielschichtigkeit und Ironie zur
„Weltliteratur" erhob. Auch Caroline Vogel, Leiterin der Abteilung
Unternehmenskommunikation der Frankfurter Buchmesse, konnte sich dem
Vormessestress entziehen, um der Leser-Initiative für Autorinnen aus der
so genannten Dritten Welt im Namen ihres Arbeitgebers zu gratulieren.
Dabei erfuhr das Publikum, dass unter den bisherigen 103
Literaturnobelpreisträgern nur 18 Autoren als dem Süden seien und unter
diesen nur zwei Frauen. Jurymitstreiter Thomas Brückner lockerte die Lobrede mit Textpassagen aus der deutschen Übersetzung von Anke Caroline Burger auf, die eigens aus Kanada angereist war. Exotische Bilder von großer sprachlicher Dichte verwöhnen den Leser, Parodien auf andere literarische Gattungen, Zitate und Anspielungen auf andere Werke verraten die Belesenheit der Autorin. 1958 als Nachfahrin holländischer Kolonisten in Colombo geboren, emigrierte Michelle de Kretser 1972 mit ihren Eltern nach Australien, weil die Familie in den blutigen Konflikten zwischen Singhalesen und Tamilen ihres Lebens nicht mehr sicher war. Nach ihrem Studium lehrte sie an den Universitäten von Melbourne und Montpellier Literaturwissenschaften und arbeitete während eines fünfjährigen Aufenthalts in Frankreich als Lektorin für einen Reiseführerverlag. 1999 erschien ihr erster Roman unter dem Titel „Rose Rover". Für „Der Fall Hamilton" wurde sie im Jahr 2004 mit dem Commonwealth Writers Prize ausgezeichnet. Texte: F.A.Z. |