LiBeraturpreis
 start aktuell  idee   preisträgerinnen   bücher förderpreis  kontakt    
 

 

Maïssa Bey (Algerien) ist 2007 Trägerin der Förderpreises des Vereins "LiBeraturpreis"
 

Die Autorin wurde 1950 in Algerien geboren und lebt heute in Sidi bel Abbès. Schon vor ihrer Einschulung sprach sie dank ihres Vaters, eines Lehrers, Französisch, studierte später Französisch in Algier und unterrichtete es auch lange Jahre. Französisch ist ihre Sprache geblieben und somit auch die Sprache ihres Schreibens.  Ihr Heimatland hat sie –  im Gegensatz zu anderen Autoren, die im Ausland Asyl gesucht haben – bewusst nicht verlassen, musste allerdings, als sie in den 90er Jahren zu schreiben begann, ein Pseudonym wählen, und so wurde aus Samia Benameur Maissa Bey. Sie ist Gründerin und Vorsitzende der Frauenvereinigung "Parole et écriture" in Sidi bel Abbès, die als Schreibwerkstatt startete und inzwischen mit finanzieller Unterstützung der EU eine Bibliothek aufbauen konnte.

Nach Romanen, Kurzgeschichten, Novellen und Theaterstücken hat sie 2005 und 2006 wieder zwei Romane publiziert. Die Schicksale und Probleme von Frauen und Mädchen finden in ihren Erzählungen besondere Beachtung. Wie Assia Djebar will auch sie den Frauen eine Stimme geben, ihr Schweigen durchbrechen. So lässt sie in Sous le jasmin la nuit (L’Aube 2004) oder Cette fille-là (L’Aube 2001) vergewaltigte, entwürdigte, zwangsverheiratete, verstoßene, von der Hoffnung auf Liebe und Zuneigung enttäuschte Frauen zu Worte kommen. Worte die umso eindringlicher klingen, als Maissa Bey häufig die Ich-Erzählung wählt.

Eine tiefe Wunde in ihrem Leben hat das Verschwinden ihres Vaters hinterlassen, der, als sie acht Jahre alt war, in den damaligen Kriegswirren von den Franzosen unter den Augen seiner kleinen Tochter abgeführt wurde und später an den Folgen von Folterungen starb. Ihm spürt sie in der Erzählung Entendez-vous dans les montagnes (L’aube 2002) nach.

Der Roman Surtout ne te retourne pas (L’aube 2005), der in Auszügen und auf Deutsch in der Übersetzung von Jutta Himmelreich auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden soll, nimmt ein Erdbeben, das im Mai 2003 die Stadt Boumerdès im Nordosten Algeriens erschüttert und weitgehend zerstört hat, zum Anlass, um in dem äußeren Chaos die Suche eines jungen Mädchens nach Orientierung und nach seiner Identität zu gestalten. Er zeigt, wie Amina, die junge Protagonistin, die alles – bis hin zu ihrem Gedächtnis – verloren hat, nach der Katastrophe versucht, aus verstreuten Fragmenten ihre Persönlichkeit wieder aufzubauen. Unterstützt wird sie von mutigen Menschen, vor allem Frauen, die nach dem Beben entschlossen ihr Leben neu gestalten. Maissa Bey lässt aber auch den Einfluss des Islamismus nicht unerwähnt, der die Tatkraft der Menschen zerstört, indem er die Naturkatastrophe als Strafe für begangene Sünden darstellt und Buße verlangt.

Für die Autorin aber gilt – in biblischer Reminiszenz: Surtout ne te retourne pas – Dreh dich ja nicht um; du könntest wie Loths Frau zur Salzsäule erstarren. Gehe vorwärts, um nicht in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu enden! Der letzte Roman der Autorin Bleu, blanc, vert  (L’Aube 2006) verbindet aus der Perspektive zweier Protagonisten, Lui und Elle, in einer Art Tagebuchnotizen 30 Jahre persönlicher Entwicklung mit der geschichtlichen und politischen Entwicklung Algeriens von der Unabhängigkeit 1962 bis zur Machtübernahme der Islamisten 1992 und stellt die brennende Frage nach der Zukunft dieses Landes. In einem Interview hat Maissa Bey das Anliegen ihres Schreibens so charakterisiert: Ecrire contre la violence du silence, de l'injustice, de l'indifférence et de l'oubli – Schreiben gegen die Gewalt des Schweigens, der Ungerechtigkeit, der Gleichgültigkeit und des Vergessens.


LiBeratur-Förderpreisträgerinnen
Seit 2001 verfolgt der Verein LiBeraturpreis das Projekt, Autorinnen für den deutschsprachigen Raum zu "entdecken". Der Förderpreis wird an eine Autorin vergeben, deren Texte noch nicht in deutscher Sprache vorliegen. Vorgeschlagen wird sie jeweils von einer der LiBeratur-Preisträgerinnen mit dem Ziel, eine Veröffentlichung auf deutsch zu ermöglichen. Der Förderpreis ist mit einer Einladung zur Leipziger Buchmesse verbunden.
Die bisherigen Preisträgerinnen waren:
2001 Mirta Yañez (Kuba), Havanna ist eine ziemlich große Stadt. Atlantik Verlag 2001
2002 Yanick Lahens (Haiti), Tanz der Ahnen. Rotpunkt Verlag 2003
2003 Spôjmaï Zariâb (Afghanistan), Mein Hahn. Suhrkamp Verlag 2005
2004 Lee Hye-Kong (Korea) Das Haus am Weg. Pendragon Verlag 2005
2005 Tanella Boni (Elfenbeinküste) Matins de couvre-feu, deutscher Verlag noch offen


www.liberaturpreis.org
LiBeraturpreis e.V.
 
Ansprechpartnerin für den Förderpreis
Irmgard Reeg
Im Weiber 17
65812 Bad Soden
irka@reeg.net
tel: 06196/25816
fax: 06196/671797